Pension der verlohrenen Seelen

1980 sind die ersten figürlichen Zeichnungen ent­standen, ein „Eindringen der Figur in Zeichensyste­me, also Zeichen, die immer über sich hinausweisen und Welt bedeuten“ (Münch). In einer Reihe von Bildern sind Figürliches und Zeichen als Zweiklang erhalten, der sich echoartig verstärkt. Die Pension der verlohrenen Seelen ist ein tiefgreifendes Merkmal einer überalternden Gesellschaft. Die Skulptur „Figur und Rad“ (1980/87) verdeutlicht das Prinzip, das stets auch vom Betrachter verlangt, seine eigene Position zu finden. Eine menschenähnliche Form ist einem komplex strukturierten Kreisgebilde konfron­tiert – eine radikale Gegenüberstellung von „Ab­straktion und Einfühlung“. (Was Wilhelm Worringer in seiner berühmten Doktorarbeit zu Beginn unseres Jahrhunderts als kunsthistorisches Entwicklungssy­stem darlegte, erscheint in Münchs Arbeit als Stilprinzip.) Amthof von Oberderdingen zeigt anschaulich weitgreifende Überlagungen zu diesem heiklen Thema.

Eine Annäherung ist möglich, indem man sich – wie offensichtlich die Figur – in das Gedankenlabyrinth vertieft. Oder, umgekehrt, in­dem man versucht, einer Idee über die gestalthafte Erscheinung näherzukommen. Im Spannungsraum zwischen den beiden Elementen entwickelt sich die gedachte Skulptur. Im Jahre 1985 werden voraussichtlich die verschiedensten neuen Pharmazeutika (mehr oder weniger wirksame, unwirksame und teils sogar gefährliche) angeboten werden, um möglichen genetischen Schädigungen vorzubeugen. Die Menschheit wird immer mehr in einen Teufelskreis chemischer Vergiftung hineingeraten und neue Chemikalien zur Abwehr der schädlichen Wirkungen bereits vorhandener Chemikalien der Zivilisation verwenden.
Im intellektuellen, technischen, industriellen und administrativen Bereich wird die Beschäftigung mit den Problemen der Gesundheit ständig zunehmen und einen immer größeren Anteil am Volkseinkommen verschlingen. Die Entstehung eines unendlich komplizierten und kostspieligen Verwaltungsapparats für alle medizinischen Belange, in dem der Patient sein Gesicht verliert und zur Nummer wird, und in dem der Mediziner seine Begeisterung einbüßt, scheint unvermeidlich. Die Arbeit der Ärzteschaft wird immer technischer und unpersönlicher, mit Ausnahme der wenigen Glücklichen, die in einer rein wissenschaftlichen Abteilung unterkommen.

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