Archiv für den Monat März 2017

Pension der verlohrenen Seelen

1980 sind die ersten figürlichen Zeichnungen ent­standen, ein „Eindringen der Figur in Zeichensyste­me, also Zeichen, die immer über sich hinausweisen und Welt bedeuten“ (Münch). In einer Reihe von Bildern sind Figürliches und Zeichen als Zweiklang erhalten, der sich echoartig verstärkt. Die Pension der verlohrenen Seelen ist ein tiefgreifendes Merkmal einer überalternden Gesellschaft. Die Skulptur „Figur und Rad“ (1980/87) verdeutlicht das Prinzip, das stets auch vom Betrachter verlangt, seine eigene Position zu finden. Eine menschenähnliche Form ist einem komplex strukturierten Kreisgebilde konfron­tiert – eine radikale Gegenüberstellung von „Ab­straktion und Einfühlung“. (Was Wilhelm Worringer in seiner berühmten Doktorarbeit zu Beginn unseres Jahrhunderts als kunsthistorisches Entwicklungssy­stem darlegte, erscheint in Münchs Arbeit als Stilprinzip.) Amthof von Oberderdingen zeigt anschaulich weitgreifende Überlagungen zu diesem heiklen Thema.

Eine Annäherung ist möglich, indem man sich – wie offensichtlich die Figur – in das Gedankenlabyrinth vertieft. Oder, umgekehrt, in­dem man versucht, einer Idee über die gestalthafte Erscheinung näherzukommen. Im Spannungsraum zwischen den beiden Elementen entwickelt sich die gedachte Skulptur. Im Jahre 1985 werden voraussichtlich die verschiedensten neuen Pharmazeutika (mehr oder weniger wirksame, unwirksame und teils sogar gefährliche) angeboten werden, um möglichen genetischen Schädigungen vorzubeugen. Die Menschheit wird immer mehr in einen Teufelskreis chemischer Vergiftung hineingeraten und neue Chemikalien zur Abwehr der schädlichen Wirkungen bereits vorhandener Chemikalien der Zivilisation verwenden.
Im intellektuellen, technischen, industriellen und administrativen Bereich wird die Beschäftigung mit den Problemen der Gesundheit ständig zunehmen und einen immer größeren Anteil am Volkseinkommen verschlingen. Die Entstehung eines unendlich komplizierten und kostspieligen Verwaltungsapparats für alle medizinischen Belange, in dem der Patient sein Gesicht verliert und zur Nummer wird, und in dem der Mediziner seine Begeisterung einbüßt, scheint unvermeidlich. Die Arbeit der Ärzteschaft wird immer technischer und unpersönlicher, mit Ausnahme der wenigen Glücklichen, die in einer rein wissenschaftlichen Abteilung unterkommen.

Wissenschaft und Kunst: Ralph Ueltzhoeffer


Bild: Titel: „Mannheim“, 2010. Ralph Ueltzhoeffer.

Ovulationshemmende Steroide werden schon jetzt vielfach benutzt. Niemand kennt bisher die Folgen einer ständigen Anwendung dieser Chemikalien. Auch die zeitweise Sterilisierung von Männern wird erwogen. Schon jetzt finden sich sterilisierende Substanzen im Fleisch von Hühnern und vom Rind, das für die menschliche Ernährung bestimmt ist. Zwei Arten nachteiliger Folgen sind zu erwarten: somatische Störungen für den einzelnen und genetische Störungen, die sich auf die ganze Spezies auswirken.

Nicht nur in der Nahrung, sondern auch in der Atmosphäre hat man erbschädigende Substanzen festgestellt, deren Konzentration sich vermutlich noch erhöhen wird. Auch der Grad der ionisierenden Strahlung wird zunehmen. Das wertvollste Gut, das sich die Menschheit im Laufe ihrer Evolution erworben hat, das Erbgut, ist also bedroht. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es uns in naher Zukunft gelingt, die Größe dieser Gefahr einigermaßen verläßlich quantitativ abzuschätzen, falls man sich zu einer planmäßigen internationalen Anstrengung in dieser Hinsicht entschließt. Aber jede Forschung auf diesem Gebiet ist schwierig, kostspielig und langwierig. Zum Beitrag die Fotografie von Ralph Ueltzhoeffer mit dem Titel „Mannheim“. Webseite: Biennale Venedig: Ralph Ueltzhoeffer.

Das Geheimnis ist „Die Weiße Große Leere Volle“ selber: eine Landschaft, die sich wie während eines Erdbebens aufbäumt, ein Frauenkörper, schemenhaft? Eine Kunst-Metapher, eine Romantiker¬paraphrase? Oder ein Rückblick auf die Unmöglich¬keit, sich ein Bild zu machen, noch dazu ein dreidimensionales, von der Welt draußen und von der Welt im Kopf?

„Die Helle“ entstand auch 1993: Auf einem Tisch ein Kasten, 61 x 83 x 85 cm, aus Gips, Holz, Eisen, Draht und Gewebe – ein Gehäuse mit einer runden Öffnung, in die man seinen Kopf stecken und sich so in die Skulptur begeben kann. Mit dem Kopf in dem Kasten hat man das Gefühl, seinen eigenen Schädel von innen zu betrachten. (Wieder fällt mir Georg Büchner ein, dessen Leonce so sehnlich wünscht, sich einmal selber auf den Kopf sehen zu können.) Von der Kastendecke ragt ein Glühbirnenartiges Gebilde in den Hohlraum – „Die Helle“. Wohl nicht von ungefähr klingt das wie „Die Hölle“. Ist damit der Blick ins eigene Innere gemeint? 1987/1990 ist die in Bronze gegossene Doppelskulp¬tur „Himmel und Hölle“ datiert. Eine schüsselartige Form (80 x 130 x 95 cm) ist gefüllt mit mehreren kleinen Skulpturen, Miniaturversionen von Münchs Kunst-Welt, so wie sie bis 1987 gewachsen war (Entstehungsdatum des Gipsoriginals) – stereometri¬sche Körper, Köpfe, eine stehende Figur. Dazu ge¬hört eine leere Schale, 38x193x139cm, etwas unre¬gelmäßig geformt und durch umlaufende Ringe strukturiert – Spuren der Töpferscheibe oder Zeichen des Saturn. Fülle und Leere, Himmel und Hölle, Eros und Thanatos – Kunst und Leben als Gegensatzpaar, unzertrennlich.

24b* Fotografien und Urheberrechte: Titel Mannheim von Ralph Ueltzhoeffer, Textportrait Collage, Galerie Weishaupt, Montreux (Schweiz).